Ein Pfarrer, den ich beneide
Ich bin ein ziemlich gewöhnlicher Pfarrer. Und ich beneide meinen Freund Joachim Lenz. Nicht um seine Ämter. Sondern um seinen Mut.
Seit 35 Jahren sind wir befreundet. In all den Jahren haben wir uns nie aus den Augen verloren. Wir haben miteinander diskutiert, gelacht, gezweifelt und füreinander gebetet. Wir haben über unseren Beruf gesprochen. Über das, was gelingt. Und über das, was schwer ist. Deshalb habe ich auch miterlebt, wie Joachim immer wieder Entscheidungen getroffen hat, bei denen ich dachte: Das würde ich mich wahrscheinlich nicht trauen.
Unsere Berufswege hätten unterschiedlicher kaum verlaufen können. Ich bin Gemeindepfarrer geworden und geblieben. Mein Arbeitsplatz: Kirche, Gemeindehaus, oft der Friedhof. Dort spielt sich mein Berufsleben ab. Unspektakulär. Aber das passt zu mir. Und ich finde: das ist auch gut so.
Joachim zog es immer wieder dorthin, wo es kompliziert wurde. Er lehrte an einer Hochschule, organisierte evangelische Kirchentage, leitete die Berliner Stadtmission und engagierte sich für die zivile Seenotrettung. Vor sechs Jahren ging er schließlich nach Jerusalem – als evangelischer Propst. Ein Ort, an dem Frieden keine Selbstverständlichkeit ist, sondern jeden Tag neu errungen werden muss.
Vor ein paar Tagen haben wir uns wiedergesehen. Zum ersten Mal seit seiner Rückkehr. Irgendwann habe ich ihn gefragt:
„War das keine verlorene Zeit?”
Sechs Jahre Ausnahmezustand. Pandemie. Terror. Krieg. Nächte im Schutzraum – ich hätte diese Frage wahrscheinlich jedem gestellt, der so etwas erlebt hat.
Joachim sah mich an. Dann sagte er nur:
„Nein.”
Dann erzählte er von Menschen, die sich jeden Morgen entscheiden, den Hass nicht gewinnen zu lassen. Von Christinnen und Christen, Juden und Muslimen, die weiter miteinander reden, obwohl es tausend Gründe gäbe, damit aufzuhören. Von Menschen, die anderen helfen, obwohl sie selbst Angst haben.
Seit diesem Gespräch denke ich oft an dieses eine Wort.
Nein. Nicht verloren. Im Gegenteil.
Ich bin immer noch ein ziemlich gewöhnlicher Pfarrer.
Und wenn mich heute jemand fragt, wen ich bewundere, denke ich nicht an einen Schauspieler. Nicht an einen Fußballstar. Nicht an einen Milliardär.
Ich denke an meinen Freund.
An einen Pfarrer.
Weil er dort geblieben ist, wo andere nur noch weg wollten.
Hier der Link zur ARD-Mediathek: https://www.ardmediathek.de/video/aus-christlicher-sicht/aus-christlicher-sicht-06-08-2026/sr/Y3JpZDovL3NyLW9ubGluZS5kZS9BQ1NfMTcyMjE2