Die Eisheiligen
Ein frostiges Männerquartett mit eiskalter Dame beherrscht
in diesen Tagen unser Wetter. Die fünf Eisheiligen – Mamertus,
Pankratius, Servatius, Bonifatius und Sophia – haben mit ihrer
Kälte vom 11. bis zum 15. Mai das Wetter fest im Griff –
jedenfalls wenn man der Bauernregel Glauben schenken will.
Sie bringen nach dem Frühsommerwetter, das uns zu T-Shirts
und kurzen Hosen eingeladen hat, wieder polare Luft, die
in vielen Teilen Deutschlands noch einmal die Natur durch
Nachtfröste erzittern lässt.
Die vier frostigen Männer und ihre kalte Dame tragen
Namen von Menschen der frühen Kirche, die aufgrund
ihres Bekenntnisses zum christlichen Glauben verfolgt und
zu Märtyrern wurden.
Der heutige Tag ist dem Märtyrer Pankratius gewidmet.
Die Legende erzählt, dass Pankratius, der Sohn eines reichen
Römers, unter dem Einfluss des römischen Bischofs Christ
wurde. Sein ererbtes Vermögen setzte er ein, um verfolgten
Christen zu helfen. Pankratius wurde selbst Opfer der
Christenverfolgung durch die Soldaten des Kaisers Diokletian.
Trotz aller Verlockungen ließ er sich nicht vom Glauben
abbringen. Im Jahre 304 wurde er öffentlich vor dem Stadttor der
Via Aurelia enthauptet und sein Leichnam Hunden zum Fraß
vorgeworfen.
Christenverfolgung ist kein Phänomen der Vergangenheit.
Mehr als 200 Millionen Christen leiden heute unter einem
hohen Maß an Verfolgung. Sie sind die weltweit größte
verfolgte Religionsgemeinschaft – so berichtet die
christliche Organisation „Open doors“. In dem von ihr
erstellten Weltindex der Staaten, in denen die meisten
Christen verfolgt werden, stehen Nordkorea, Afghanistan
und Somalia an der Spitze.
Die Formen der Unterdrückung reichen von grausamen
Gewalttaten wie Hinrichtungen und Folter bis hin zu
Diskriminierung im Bildungsbereich, auf dem
Arbeitsmarkt oder Vertreibung aus angestammten
Wohngebieten. Die Verletzung der Menschenrechte,
insbesondere der Rechte von Frauen und Kindern, und
die Missachtung der Meinungsfreiheit gehen einher.
Das dürfen wir nicht hinnehmen.
In einem am 19. April in den Bundestag eingebrachten Antrag
fordert die AfD Sanktionen vor allem gegen muslimisch
geprägte Länder, in denen Christen benachteiligt und verfolgt
werden: z. B. Kürzungen der Entwicklungshilfe, Einfrieren
von Konten im Ausland, Einreiseverbote und Handels-
beschränkungen. Sie stützt sich dabei auf den von „Open
Doors“ vorgelegten Index. Irgendwie hört es sich zunächst
gut an, wenn eine Partei das weltweit ausgeübte Unrecht der
Christenverfolgung in die Öffentlichkeit bringt.
Schnell wird aber deutlich, um was es eigentlich geht: die AfD
wirft unserer Regierung Versagen vor, weil –Zitat – „… Hundert-
tausende von Judenhassern und Christenhassern in unser Land
geströmt“ sind – so die AfD. Ein Aufhänger, der dazu dient, um
Stimmung gegen Muslime zu machen. Die Christenverfolgung wird ausschließlich zum Problem des Islams erhoben. In vielen Ländern
werden religiöse Minderheiten ausgegrenzt und auch die, die
für Verfolgung verantwortlich sind, sind in Religion und Kultur
vielfältig.
„Unsere Solidarität gilt allen religiösen Minderheiten“, heißt es im
Koalitionsvertrag der Regierung. Die Diskussion um den Stellenwert
des Islams in Deutschland ist nicht für politische Ziele zu
instrumentalisieren. Das Thema Christenverfolgung darf auch
nicht auf einen „Kulturkampf“ zwischen Christen und Muslimen
reduziert werden.
Nutzen wir in unserem Land unsere Freiheit, unsere Religions-
freiheit und das Recht auf freie Meinungsäußerung. Wehren wir
uns gegen Menschen, die in unserem Land die weltweite
Christenverfolgung – die nicht zu leugnen ist und die in der
Öffentlichkeit zur Sprache kommen muss – als Alibi nutzen,
um ihre antiislamischen und ausländerfeindlichen Parolen zu
verbreiten. Sie sind weder in religiöser noch ethischer Hinsicht
mit unserem christlichen Glauben vereinbar.
Stellen wir uns ihnen nicht in den Weg, dann wird es in unserem
Land frostig – auch ohne die Eisheiligen.