Böser Jugendwahn
Jugendwahn! Auch wenn das Wort schon in die Jahre gekommen ist, es bleibt negativ: Allerdings braucht diese Einsicht offenbar mehrere Jahrzehnte, um in Menschen heranzureifen. Ich kenne Leute, die waren dem Jugendwahn gar nicht sooo abgeneigt, solange sie selbst noch jung waren.
Der aufstrebende Manager zum Beispiel, der damals gar nicht schnell genug die Karriereleiter hinauf kam. Koste es, was und wen es wolle. Wie viele Stühle musste er ansägen, wie viele Revierkämpfe bestehen! Immer mit dem Argument, dass die unverbrauchten Jungen ran müssen. Heute hält er sich für den einzig unersetzlichen Mittfünfziger: „Diese jungen Rotzbengel sollen erst mal was leisten“, schimpft er. Und weil seine Energie für Sonnenbank, Friseur und Abwehr hungriger Jungwölfe draufgeht, leistet er sonst kaum noch was. Den Jugendwahn versteht er längst nicht mehr: Reife des Alters, Lebenserfahrung, das sind doch wahre Werte. Kontinuität, Augenmaß, Gelassenheit, Verlässlichkeit – heute weiß er das zu schätzen, auch wenn er das alles nur vom Hörensagen kennt. Trotzdem: Schön, wenn Menschen dazu lernen und zu Einsichten gelangen. Besser spät als nie.
Noch schöner wäre es natürlich, wenn sie etwas früher zu diesen Erkenntnissen und zu Verständnis und Rücksicht kämen. Nämlich bevor sie das Schicksal und die biologische Uhr mit der Nase darauf stoßen. Und am schönsten wäre es, wenn alle drauf kämen, solange sie noch als Täter in Frage kommen, und nicht erst dann, wenn sie sich als mögliches, als eingebildetes oder als tatsächliches Opfer fühlen.
„Was Ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut Ihnen auch.“ sagt Jesus. Leicht zu verstehen, schwer zu tun. Zu schwer?