Blinder Fleck
Haben Sie auch so einen „blinden Fleck“ auf Ihrer Landkarte? Einen Ort, an dem Sie noch nie waren, obwohl alle davon schwärmen? Meine Frau und ich haben letzte Woche so einen Fleck wegradiert. Wir waren zum ersten Mal in Dresden. Und was soll ich sagen? Ich bin als saarländischer Pfarrer dorthin gereist – und als Fan zurückgekommen.
Dresden ist wunderschön, das Essen bezahlbar, das Herbstwetter war perfekt. Aber was mich wirklich umgehauen hat, war nicht die barocke Pracht. Es war die Kirche vor Ort. Wir saßen mittags in der berühmten Frauenkirche. Schon am Eingang stolpert man über ein Schild. Da steht: „Wir sind offen für Begegnung und Diskurs. Klar im Widerspruch gegen Ausgrenzung und Hass. Ein dieser Haltung angemessenes Verhalten erwarten wir auch von Ihnen als Gast der Dresdner Frauenkirche“. Das saß. Die Andacht der Pfarrerin war genauso: Kein abgehobenes Fromm-Sein, sondern eine unaufgeregte, glasklare Ansage für Menschlichkeit.
Einen Tag später: Wanderung im Elbsandsteingebirge. Auf dem Rückweg entdecken wir die „Radfahrerkirche“ in Wehlen. Ein wunderbarer Ort zum Verschnaufen. Dort treffe ich Peggy, eine der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen. Wir kommen ins Gespräch. Peggy sagt einen Satz, den ich so schnell nicht vergessen werde:
„Du, wir haben als Kirche über vier Jahrzehnte Sozialismus überlebt. Wir kommen auch mit den Leuten von der AfD klar. Das sind unsere Nachbarn, wir müssen zusammenleben. Aber wir stehen zu unseren Werten. Und wir üben Nächstenliebe. Punkt.“
Mich hat diese Klarheit tief beeindruckt. Denn man darf nicht vergessen: Im Osten Deutschlands ist die Kirche eine absolute Minderheit. Und doch ist sie da. Sogar der kirchenkritische Entertainer Jan Böhmermann hat neulich in seiner Show zugegeben: „Jeden Tag leistet die Kirche im Osten wichtige antifaschistische Arbeit für die Demokratie. Besonders dort, wo sich sonst kaum noch jemand engagiert.“ Wenn die Kirche schon Lob von Böhmermann bekommt, dann muss da was dran sein!
Aus Dresden habe ich ein neues Lieblingswort mitgebracht. Ich wünsche mir nämlich eine Kirche, die genau so ist, wie Peggy und die Menschen dort an der Elbe: einladend, klar und vor allem: hoffnungsstur. Hoffnungsstur nach vorne schauen – auch wenn der Gegenwind kräftig bläst. Das tut dem Osten gut, und das tut uns hier im Saarland gut.