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Auge um Auge

Letzten Sonntag, kurz vor sechs in unserer Kirche. In der Osternacht ertönt ein Ruf: „Der Herr ist auferstanden. Halleluja!“ Zusammen feiern die Christen die Auferstehung Jesu Christi, den Sieg des Lebens über den Tod.

Ungefähr zeitgleich, rund 8000 km weiter östlich in Sri Lanka. Zusammen feiern Christen die Auferstehung und sterben dabei. Genauso wie Gäste und Mitarbeiter einiger Hotels. Ermordet durch die Bomben islamistischer Attentäter, die damit Rache genommen haben für die Anschläge auf Moscheen in Neuseeland Mitte März.

Und damit sind wir auch schon beim entscheidenden Stichwort, nämlich Rache: Die wird seit dem Ostermorgen ja auch wieder massiv in den Sozialen Netzwerken gefordert. Die entsprechenden Kommentarspalten kochen über vor Hass gegen Muslime allgemein. Gerne zitiert dabei die Worte: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Wahrscheinlich einer der populärsten Bibelverse überhaupt. Bloß: meistens falsch verstanden. Ob Bewusst oder unbewusst.

Um das hoffentlich ein- für allemal klarzustellen: In diesen Worten geht es gerade NICHT um Rache, nicht um ein Wie Du mir so ich Dir. Es geht im Gegenteil um Deeskalation. Das zeigt der Kontext der Worte „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Die zu biblischen Zeiten übliche Blutrache sollte damit eingedämmt werden. Strafe: Ja! Vergeltung: Nein! Auch ein Blick in die jüdische Geschichte zeigt: Es hat nicht ein einziges rabbinisches Gericht gegeben, das eine körperliche Vergeltungsstrafe zugelassen hat.

Aus gutem Grund. Denn würde man das Auge um Auge konsequent zu Ende denken, dann würde das letztlich das bedeuten, was Mahatma Ghandi mal so ausgedrückt hat: Auge um Auge lässt die Welt erblinden. Oder anders:  Wenn die Anschläge von Sri Lanka die Vergeltung für Neuseeland waren. Und wenn nun wieder neue Anschläge die Vergeltung für Sri Lanka sein werden. Und wenn dann wieder Vergeltungsschläge folgen, die ihrerseits auch vergolten werden müssen undsoweiter: Was hätte man am Ende gewonnen? Richtig, gar nichts. Die Welt inklusive ihrer Bevölkerung würde langsam aber sicher in Schutt und Asche gelegt.  Und das wäre das totale Gegenteil von Ostern.

Am höchsten christlichen Fest geht es um den Glauben daran, dass der Tod – und mit ihm auch seine Verbündeten wie Hass und Gewalt – nicht das letzte Wort haben.  Kurz gesagt: „Der Herr ist auferstanden. Halleluja!“