Ursprache
Am Anfang der Menschheitsgeschichte war die Ursprache. Von Gott erschaffen. So, dass jeder Mensch den anderen verstanden hat. Nachzulesen in der Bibel. Sprache als Gottes Geschenk an alle Menschen. Erst später kam die große Krise: viele Sprachen entwickeln sich, man versteht sich plötzlich nicht mehr. In der Bibel festgemacht am Turmbau von Babel. Sie wollten hochbauen bis zu Himmel, die Menschen, die noch in einer Sprache redeten, die sich gut verstanden. Dann kam der Wunsch nach Macht, überirdischer Macht. Und schon war es vorbei mit der einheitlichen Sprache. Jeder hat auf einmal seine eigene Spreche, jeder jagte eigenen Zielen nach, einer wollte den anderen beherrschen – und eben so sein wie Gott. Vieles hat sich durchgehalten, egal, wie für modern sich die Menschen selbst halten. Warum verstehen die Politiker nicht, was ich will? Oder meine Bank, mein Chef, sogar meine Familie ist manchmal so komisch. Irgendwie reden wir aneinander vorbei. Manchmal trotz der selben Sprache. Heute ist Verstehen immer noch ein Wunder. Die eigene Position ist klar, oft klarer denn je. Aber andere in ihrer Verschiedenheit, ihrer Besonderheit zu verstehen fällt unendlich schwer. Manchmal ein Wunder biblischen Ausmaßes. Aber dringend nötig in einer von Hassrede und Fakenews bedrohten Gesprächs-Welt. Sprache befrieden, als ob man darüber eine friedlichere Welt schaffen könnte – der uralte Traum von der Ursprache meint vielleicht genau das.