Er-wartungen
Morgen beginnt sie: Die Adventszeit. Diese rund vier Wochen, in denen sich Christen auf Weihnachten vorbereiten. Auf die Geburt Jesu. Morgen ist der 1. Advent. Morgen beginnt eine Zeit des Wartens bzw. Er-Wartens.
Zunächst mal er-warte ich nämlich eine Menge von mir selbst: Bei mir zuhause soll es gemütlich sein und besinnlich, aber auch geputzt und geschmackvoll geschmückt. Leckere Kekse, gebacken nach Omas oder sogar Ur-Omas Rezept. Kerzenschein. Zeit möchte ich mit anderen verbringen. Mit der Familie, aber auch mit anderen netten Menschen.
Dann aber er-warte ich auch etwas von diesen anderen. Besondere Zuwendung. Aufmerksamkeit, das Erfüllen von Wünschen. Einen tollen Adventskalender, am besten selbst gemacht und nicht gekauft.
Ich er-warte ganz viel an Ruhe, guter Stimmung, Liebe…. und setze mich damit unter Druck. Ich versuche, Vieles zu machen und möglichst allen Erwartungen gerecht zu werden und kommt dadurch in Stress und Hektik. Und plötzlich ist die erwartungsvolle Adventszeit eine Zeit voller Streit und Disharmonie. Keine Zeit ist mit so viel Erwartungen verbunden wie die Adventszeit und Weihnachten. Aber nicht jeder erwartet das Gleiche. Das führt zu manchen Missverständnissen und auch zu Enttäuschungen. Das ist oft eine verzwickte Situation, weil unsere Erwartungen oft genau dazu führen, dass das Gegenteil eintritt: Kurz gesagt: Statt mehr Liebe gibt es mehr Streit.
Advent – Zeit der Erwartung. Vielleicht stimmt das gar nicht so oder nicht nur. Vielleicht ist der Advent viel mehr die Zeit des Unerwarteten. Das zumindest war es für die Menschen vor rund 2000 Jahren. Für uns ist es selbstverständlich, dass zu Weihnachten die Krippe mit dem Jesuskind in der Kirche aufgestellt wird. Die Menschen zu biblischen Zeiten haben sich den Sohn Gottes ganz anders vorgestellt. Sie haben einen starken und reichen König erwartet und finden stattdessen ein Baby in einer Futterkrippe. Ganz unerwartet.
Gott kommt nicht so wie wir ihn uns vorstellen. Manchmal ist das furchtbar enttäuschend. Dann haben wir anderes von Gott erwartet – dass er Leiden erspart, dass er für Frieden sorgt, dass er uns Wünsche erfüllt. Aber Gott ist eben nicht der Weihnachtsmann. Er überrascht uns auf andere Weise.
Und vielleicht ist das das eigentliche Geheimnis der Adventszeit: sich nicht stressen zu lassen von all den Erwartungen, sondern offen zu bleiben für das Unerwartete.
Vielleicht verstellen uns unsere Erwartungen geradezu den Blick für das Unerwartete in unserem Miteinander. Wenn ich ganz genaue Vorstellungen habe, wie der Advent sich zu gestalten hat, angefangen beim Kerzenschein und der farblich zum Sofa abgestimmten Dekoration und einem Festessen wie es schon die Oma gekocht hat, dann lässt so manches Mal die Enttäuschung nicht lange auf sich warten.
Vielleicht erwarte ich mal gar nichts. Vielleicht warte ich einfach mal ab und warte auf den, der sich angekündigt hat zu kommen: auf Jesus.
Vielleicht bin ich dieses Jahr einfach mal dazu bereit für das Unerwartete: ein freundliches Wort statt Vorwürfe, ein Lob statt Kritik, gemeinsames Memoryspiel statt allein vor dem Computer zu zocken, einfach Mal abwarten und Tee trinken statt mich mit Arbeit und Vorbereitungen zu erdrücken.
Und vielleicht begegnet mir dann Gott. Nicht so wie vor 2000 Jahren, sondern heute im Gebet oder morgen in einem Menschen, der mir unerwartet begegnet.
Ich will nicht zu viel er-warten, sondern einfach mal ab-warten und warten auf den, der kommen wird: Jesus.