Grauer November
„Hoffentlich ist er bald vorbei!“ Ich kenne viele Menschen, die das sagen – jetzt in diesen Tagen und damit den November meinen. Der gehört ja nicht unbedingt zu den beliebtesten Monaten. Es ist kalt, es ist dunkel, es ist neblig, die Blätter fallen von den Bäumen und es regnet oft – wie in der vergangenen Woche. Dazu dann noch die Feiertage Allerheiligen, Volkstrauertag und Toten- beziehungsweise Ewigkeitssonntag. Irgendwie geht’s im November immer um die Vergänglichkeit und den Tod.
Ich gebe zu: Ich persönlich finde auch, dass es schönere Monate gibt als den November. Aber trotzdem finde ich ihn wichtig. Gerade, weil das Thema Tod immer irgendwie dran ist. Denn während des restlichen Jahres neige ich dazu, dieses Thema zu verdrängen. Ich meine: Wer befasst sich schon gerne mit der eigenen Endlichkeit? Damit, dass man eines Tages sterben muss? Ich zumindest tue mich damit oft schwer. Aber im November komme ich daran eben schlecht vorbei. Spätestens die kahlen Bäume erinnern mich wieder immer daran: Keiner von uns kommt lebend raus aus dem Leben. Auch ich nicht. Ich bin ein Mensch und deshalb werde ich eines Tages sterben. Damit muss ich irgendwie leben. So, wie die Menschen vor über 2000 Jahren auch schon. Einer von ihnen hat gebetet:
„Gott, lass uns begreifen, dass wir sterben müssen – damit wir klug werden und unser Leben vernünftig gestalten.“ So heißt es in Psalm 90 und diese Worte bringen es auf den Punkt.
Den Tod zu verdrängen bringt nichts. Ich kann eh nicht vor ihm weglaufen. Erst, wenn ich ihn akzeptiere, werde ich damit klarkommen. Und nicht nur das. Dann trägt der Tod sogar zu meinem Leben bei. Indem er mir hilft, es bewusster zu leben und sinnvoller zu gestalten. Das, was mir wichtig ist, verschiebe ich nicht mehr auf morgen. Ich kann mich leichter über vermeintlich kleine Dinge freuen. Und ich überlege mir zweimal, ob ich mit jemandem Streit anfange oder ob mir meine Lebenszeit dafür nicht viel zu schade ist.
Erstaunlich, oder? Wozu Kälte, Nebel, Regen, Dunkelheit und kahle Bäume doch gut sein können. Hoffentlich ist er bald vorbei? Nein, ich würde eher sagen: Schön, dass noch gut drei Wochen lang November ist.
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