Schockstarre
„So, jetzt ist es genug!“ Gerade hat der Mann noch im Garten gearbeitet. Aber als er hört, wie die Kirchenglocken anfangen zu läuten, stellt er die Säge ab. Er packt sein Werkzeug zusammen und geht ins Haus. Er weiß: Jetzt noch weiterarbeiten – nein, das passt nicht. Das gehört sich nicht.
Der Frau in ihrem Auto geht es ähnlich. Sie kommt gerade vom Einkaufen. Und als sie an der Kirche vorbeifährt, hört auch sie die Glocken und sieht die Menschen vor der völlig überfüllten Kirche stehen. Sie beeilt sich nach Hause zu kommen. Dort stellt sie nur schnell das Auto ab und verschwindet im Haus. Die Einkäufe holt sie irgendwann später rein.
Beide – die Frau und der Mann – wissen, was das Glockengeläut zu bedeuten hat. Es ist Gottesdienst. Aber nicht irgendeiner, sondern die Trauerfeier für einen Teenager.
So geschehen vor drei Wochen in unserem Dorf. Es war wie in einer Schockstarre. Vor, während und nach der Trauerfeier bzw. der Beerdigung war es spürbar ruhiger im Ort. Das habe nicht nur ich so erlebt. Auch viele andere hatten diesen Eindruck. Wer nicht in der Kirche war, hat aufgehört zu arbeiten bzw. irgendetwas zu erledigen. Eine Stunde lang hat die Zeit stillgestanden.
Trotz des schrecklichen Anlasses war das für mich eine schöne Erfahrung. Sie hat mir gezeigt: Wir sind nicht abgestumpft. Wir sind nach wie vor Menschen und handeln und fühlen auch so. Das heißt: Wir lassen uns berühren und leiden mit den Eltern, Freunden und Verwandten des Teenagers mit. Und genauso soll es auch sein!