Bohnen
Ein durchsichtiges Säckchen mit weißen Bohnen liegt vor mir auf dem Tisch. Es mögen wohl dreißig bis vierzig Stück sein. Zum Aussäen sind sie nicht gedacht. Den Bohnen liegt ein zusammengerollter Zettel bei.
„Ich schenke dir eine Geschichte…“ steht darauf. Dann folgt die Geschichte eines italienischen Adeligen, der niemals ohne Bohnen aus dem Haus gegangen ist. Für jede schöne Begebenheit, Begegnung oder jedes schöne Gefühl hat er eine Bohne aus der linken Hosentasche genommen und sie in die rechte gesteckt.
Abends dann zählte er die Bohnen, die er umgesteckt hatte und freute sich nochmals über all das Schöne, das ihm an diesem Tag begegnet war.
Die Bohnen gleiten langsam durch meine Finger. Sie sind trocken und hart und haben doch auch etwas Handliches. Ja, ich könnte sie gut mitnehmen, um mit ihnen die schönen Momente des Tages bewusster wahrzunehmen und um auch schöne Gefühle besser zählen zu können. Denn ich vergesse so schnell das Schöne; und negative Nachrichten überlagern häufig alles andere. Sie nehmen dem Rest seinen Glanz. Die Klage ist oft lauter als das Lob. Ich kenne das gut!
Und so danke ich dem italienischen Adeligen, rolle das Zettelchen mit der Geschichte wieder zusammen und lege es in meinen Schreibtisch. Das Säckchen mit den Bohnen, das nehme ich heute mit. Mal sehen, wie die Verteilung zwischen rechter und linker Hosentasche heute Abend sein wird.