Grumbeerwurscht
Wo es bei uns in der Region die beste Kartoffelwurst zu kaufen gibt – wir Saarländer nennen sie „Grumbeerwurscht“ – hat er mir beigebracht.
Er – der Mann im Liegestuhl, der bald sterben wird. Mit einer Decke warmgehalten, liegt er mehr als dass er sitzt, in diesem Stuhl vor dem großen Terrassenfenster im Wohnzimmer seines Hauses. Er schaut in den Garten mit dem sich anschließendem Wald. Er sieht Blumen, die saftig grüne Wiese. Dann die Bäume und dahinter den kleinen Bach. Auch Rehe sind da manchmal zu sehen. Und die knabbern auch schon mal an den Rosen oder fressen sie ganz ab.
Nein, ins Hospiz soll er nicht, sagt seine Frau. Wir machen das und kümmern uns hier um ihn. Das geht schon. Und der Arzt kommt mit den schmerzlindernden Medikamenten regelmäßig. Alle machen da mit. „Wir helfen uns gegenseitig“, erklärt die Frau.
Er hält ein Glas Bier in der Hand. Und zieht langsam an dem Strohhalm, der in dem Glas steckt. Anders kann er nicht trinken. Und das Schlucken fällt auch schwer. Das Glas Bier hat er sich sehnsüchtig gewünscht. Und deshalb bekommt er es auch. Nicht immer ist er in der Lage, das Bier zu trinken. Nicht mal mit dem Strohhalm. Manchmal trink er nur ein paar Schlucke. Was im Glas bleibt, kippt seine Frau dann irgendwann aus. Wenn das Bier schal geworden ist.
Aber entscheidend ist, dass der Mann das Bier bekommt, wenn er danach verlangt. Dass er es nochmal riechen kann und sich an die Biere erinnern kann, die er in seinem Leben getrunken hat. Auf Festen, Feiern oder einfach so nach Feierabend.
Über das Bier und die Feste kommen wir in unserem Gespräch aufs Essen. Und damit auf die Kartoffelwurst. Bestimmt, weil ich die so leidenschaftlich gerne esse. Meine Mutter hat sie häufig gekocht: im großen Topf. Für uns als große Familie. Wenn ich das jetzt so erzähle, dann läuft mir wieder das Wasser im Mund zusammen. Über die vierzig/fünfzig Jahre hinweg, die das nun her ist. Dass ich weiß, wo es gute Kartoffelwurst im Ring gibt – Das habe ich dem zu verdanken, der im Sterben liegt.