Blätter
Als meine Kinder noch klein waren, war der Herbst eine herausfordernde Zeit und jeder Spaziergang eine Challenge. Wer fängt die meisten Blätter? So lautete die Aufgabe. Und: sie mussten natürlich im Flug gefangen werden. Also vom Baum abreißen gilt nicht.
Wie oft standen wir unter einem bunten Laubbaum und haben darauf gewartet, dass der Wind ein bisschen stärker wird. Wie oft standen wir im Blätterregen und haben versucht, die unberechenbaren Blätter abzufangen, bevor sie auf dem Boden landen.
Wie oft habe ich ein Blatt schon in ein paar Metern Höhe fixiert, um seine schwankenden Bewegungen zu berechnen und dann doch daneben gegriffen.
Heute gehe ich mit meinem Hund allein durch den Wald und habe einen anderen Blick auf die Blätter. Ok, ich gebe zu, manchmal greife ich immer noch zu, wenn eines direkt vor mir zur Erde fällt. Aber meistens beneide ich die Blätter eher, wie sie loslassen können. Einfach so vom Baum fallen. Sich dem Wind anvertrauen und langsam auf die Erde gleiten. Ich sehe auch den Baum hinter den Blättern. Und ich stelle mir vor, dass auch er einfach loslassen kann, weil er weiß, dass er im nächsten Frühjahr wieder austreibt.
Loslassen können im Vertrauen darauf, dass der nächste Frühling kommt, sich dem Wind anvertrauen und zu hoffen, dass man in Gottes Händen landet, das möchte ich gerne. Und ich vertraue darauf, dass Gott besser fangen kann als ich.