Rabenkrähen
Ich liebe Rabenkrähen. Seit meiner Kindheit faszinieren sie mich schon. Da konnte ich im Herbst beobachten, wie sie sich über dem Wäldchen in unserer Siedlung sammelten. Dort bilden diese Vögel sogenannte Junggesellenschwärme. Deren Flugkünste beeindruckten mich. Sie sprühten vor Lebensfreude, wenn sie scharf am Wind segelten, Kunstflugfiguren in die Luft malten, sich neckten und übereinander riefen.
Nun beobachte ich seit Jahren ein Rabenkrähenpaar in der wunderbaren Kulturlandschaft, die die zahleichen Nachbargärten hinter unserem Haus bilden. Dahinter steigt der Wald auf. Ein Vogelhabitat.
Die beiden, ich habe ihnen längst Namen gegeben, wohnen sozusagen auf der Eternitabdeckung eines alten Schornsteins. Das ist ihr Ausguck, von dem aus ihnen nichts entgeht. Wenn er von dort einen Ausflug macht, was man wörtlich nehmen muss, ruft sie nach ihm.
Rufen, Lauschen, erneutes Rufen, erneutes Lauschen. So lange bis der Gatte heimkehrt. Die Begrüßung ist laut, die Freude groß. Das zeigt sich auch in der anschließenden gegenseitigen Gefiederpflege. Raben sind zärtlich. Und sie sind sozial.
Und so kam mir der Gedanke, ob Raben nicht ein klein wenig Vorbild für unsere menschliche Lebensgestaltung sein könnten.
Sie finden das abwegig? Ich will es begründen.
Raben sind klug. So sammeln sie etwa Walnüsse, die sie aus großer Höhe auf den Asphalt fallen lassen, um an ihren schmackhaften Kern zu gelangen. Beliebt ist auch, sie auf der Fahrbahn zu platzieren und abzuwarten, dass ein Auto darüberfährt.
Artgenossen wiederum täuscht man, indem ‚rabe‘ so tut, als verstecke er Nahrung irgendwo unter dem Laub. Der potenzielle Dieb wird sie dort vergebens suchen.
Klug und gesellig sind sie also, die Rabenkrähen, ohne sich die Butter vom Brot holen zu lassen. Vorbildlich.
Raben pflegen die Tugend der Treue.
Ein Paar bleibt in der Regel ein Leben lang zusammen und seinem Revier treu. Dort ziehen sie Jahr um Jahr ihre Jungen in ihrem Horst groß. Wobei sie überhaupt keine sprichwörtlichen Rabeneltern sind. Um die Brut wird sich gekümmert, auch wenn die schon flügge ist und das Nest verlassen hat. Rabenkindern wird von ihren Eltern beigebracht, wie man an Nahrung gelangt. Doch wenn diese Lehre beendet ist, wird ihnen auch energisch bedeutet, dass es an der Zeit ist, ein eigens Revier zu suchen. Man erzieht keine Nesthocker. Auch vorbildlich.
Und noch ein letztes. Raben sind nicht wie andere Tiere permanent mit der Nahrungssuche beschäftigt. Sie sind findig im Suchen von Futterquellen, die so nahrhaft sind, dass sie für längere Zeit sättigen. Und so bleibt Zeit für Zärtlichkeit, Zeit spielerisch und elegant die Lüfte zu erobern, mit großem Geschrei Habichte zu vertreiben, die sich ins Revier wagen. Oder Artgenossen, die sich gerne dort niederließen.
Der Rabenkrähe home ist ihr castle.
Haben sie nicht ein vorbildlich schönes Leben mein beiden und ihre Artgenossen?
Derzeit bauen sie übrigens ein Nest in den Akazien gegenüber unserem Haus. Das Leben geht weiter. Herrlich!
Übrigens sagt Jesus in der Bergpredigt:
Seht euch die Vögel an! Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln keine Vorräte – aber euer Vater im Himmel sorgt für sie.