Der ungekreuzigte Gott
Wie wäre es eigentlich, wenn nicht Jesus gekreuzigt worden wäre, sondern ein Doppelgänger? Diese Vorstellung ist im Koran gelandet, nachzulesen in Sure 4. Danach hat Jesus noch lange weitergelebt und ist am Ende dann von Gott in den Himmel erhoben worden. Ein sympathischer Gedanke gegen die Urkatastrophe des Christentums.
Dass der Sohn Gottes am Kreuz stirbt, ist nicht nur für Muslime schwer erträglich. Auch das Symbol des Christentums – ein Galgen – kaum zum Aushalten. Da wäre es doch smart, den ganzen christlichen Glaubensskandal vom sterbenden Jesus am Kreuz mit der Geschichte vom Doppelgänger zu entschärfen. Dann wäre es ja nur ein gewöhnlicher Mensch gewesen, dort oben am Kreuz, gefoltert wie so viele andere, auf grässliche Weise umgebracht, und im Fall der Koran-Geschichte dann auch noch als Verwechselter, ohne jeden Bezug zu den Ereignissen rund um Jesus. Aber vielleicht ist der gekreuzigte Jesus ja auch gerade das Besondere der christlichen Glaubens-Geschichte, mit dem echten Gottessohn am Kreuzesgalgen.
Wer sein eigenes Lebenskreuz erlebt, der kann sich eher mit Jesus identifizieren, sieht sich in ähnlich auswegloser Lage, verzweifelt – aber eben auch wie er mit Gott im Bunde. So die christliche Deutung. Jesus hängt da oben, stirbt verzweifelt und verlassen – unvorstellbar, dass Gott so etwas zulässt. Ähnlich wie bei unzähligen Anderen, die ihr Lebenskreuz zu tragen haben. Das ist schwer auszuhalten, vielleicht sogar für Gott selber. Aber eben nicht das Kreuz als Triumph der Henker. Und schon gar nicht Gottes letztes Wort über uns.