Perlmutt
Ich weiß gar nicht mehr, wann ich sie das letzte Mal benutzt habe. Aber als ich die Handtasche aus dem Schrank hole und hineinschaue, kommt mir einiges entgegen. Benutzte Taschentücher, zerknüllte Kassenzettel, zwei Labellos und – eine Muschel. Im Gegensatz zum Rest zaubert sie sofort ein Lächeln auf mein Gesicht.
Die kleine Austernmuschel liegt in meiner Hand und das schillernde Perlmutt ihres Inneren erinnert mich an meinen letzten Urlaub. An Sonne, Strand und Meer.
Und wie sie so schillernd daliegt, frage ich mich, ob sie wohl eine Perle im Inneren hatte, als sie noch tief im Meer lag. Ob sie sich mit einem eindringenden Fremdkörper – genau das ist der Ursprung einer Perle – vielleicht einem Sandkorn auseinandersetzen musste? Ob sie mit tiefem Schmerz umgehen musste und ihn langsam und beständig ummantelt hat mit Tränen aus Perlmutt?
Und neben die Erinnerungen an den Urlaub treten die Erinnerungen an Situationen tiefen Schmerzes in meinem eigenen Leben. Und ich frage mich, wie ich selbst damit umgegangen bin. Ob es mir gelungen ist, eingedrungene Fremdkörper zu ummanteln und wie Perlen in mein Leben zu integrieren, oder ob ich versucht habe, sie loszuwerden. Und was mein Perlmutt ist.
Je mehr ich darüber nachdenke, desto schöner finde ich den Gedanken, dass Liebe und Vertrauen – Glaube – mein Perlmutt sein könnten. Ein Stoff tief in meinem Inneren. Schillernd in vielen Farben, leuchtend und mit der Kraft, Schmerzen zu ummanteln und Einschnitte im Leben anzunehmen.
Und ich lege sie wieder in die Tasche, damit sie mich auch das nächste Mal an Perlen meines Lebens erinnern kann.